school and education

Wir sind die Rheingauschule

Leb wohl

Eine Kurzgeschichte von Paula Grimm, Klasse 8b

Dicke weiße Schneeflocken tanzten im Schein der Straßenlaterne. Ich stand vor dem Fenster und schaute verträumt hinaus. In der Hand hielt ich eine Tasse dampfenden Tee. Ich schaute auf meine Wanduhr. 18:45 zeigten die Ziffern mir an und obwohl es noch nicht allzu spät war, war es draußen schon dunkel. Ich setzte mich auf mein Bett und schlug mein Buch auf. Während ich las, nippte ich abwechselnd an meinem Tee und schob mir ein selbstgemachtes Plätzchen nach dem anderen in den Mund, bis der Teller leer war. Dann legte ich mein Buch beiseite und machte mich an meine Hausaufgaben. Doch schon nach wenigen Minuten hatte ich keine Lust mehr und ließ Mathe einfach mal Mathe sein. Stattdessen lief ich in die Küche, um meine Mutter zu fragen, was wir zu Abend essen. Aber beim Betreten der Küche fiel mir ein, dass meine Mutter mit ihrem neuen Freund Essen war. Mama und Papa haben sich vor etwa einem Jahr getrennt. Meine Mutter hatte mir verboten, meinen Vater zu besuchen, weil sie fand, dass er verrückt sei. Dafür telefonierten wir manchmal heimlich.

Ich ging zum Kühlschrank und holte mir einen Joghurt heraus. Danach setzte ich mich an den Esstisch und löffelte ihn langsam. Eigentlich hatte ich wegen der vielen Plätzchen noch keinen großen Appetit. Plötzlich sah ich aus den Augenwinkeln eine Gestalt, die durch den Garten huschte. Ich wirbelte herum, konnte aber nichts Verdächtiges mehr sehen. Vielleicht lag es daran, dass es draußen einfach zu dunkel war. Die Außenbeleuchtung brachte nämlich nicht wirklich viel. Ich blieb reglos sitzen. Als endlich wieder Bewegung in mich kam, stand ich auf und lief zum Fenster. Zum Glück sah ich niemanden. „Ich habe mir also wahrscheinlich alles nur eingebildet“, dachte ich. Doch dann sah ich sie wieder: Eine in schwarz gekleidete Gestalt. Sie rannte von einem Busch, der in unserem Garten wuchs, zu den Mülltonnen. Dabei blickte sie aber nicht zu mir, stellte ich erleichtert fest. Also hatte sie mich noch nicht bemerkt. Trotzdem hatte ich Angst. „Vielleicht ist das ja ein Einbrecher oder ein Mör-“. Schnell verbannte ich den Gedanken. Unruhig tigerte ich in im Wohnzimmer hin und her. „Soll ich meine Mutter anrufen?“, fragte ich mich. Sie wollte nämlich ihr Handy anlassen, damit ich sie anrufen konnte, falls etwas Schlimmes passierte. Und das hier war schlimm, keine Frage! Ich nahm das Telefon in die Hand und wählte ihre Nummer. Es tutete ein Mal. Dann gab das Telefon keinen Pieps mehr von sich. Ich schaute verdutzt auf das Display. Es war schwarz. Innerlich fluchte ich. „Wieso geht das Telefon denn ausgerechnet jetzt kaputt?“ Mit meinem Handy konnte ich auch nicht telefonieren. Meine Mutter hatte es nämlich gestern einkassiert, weil ich für eine Deutscharbeit lernen sollte. Ich seufzte und vergrub mein Gesicht in den Händen. Angestrengt überlegte ich, was ich noch tun könnte - hoffnungslos. Ich kam nur auf die Idee, das Licht auszuschalten, damit der Unbekannte nicht auf mich aufmerksam wurde. Die Gardinen hingen nämlich nicht mehr an den Stangen. Meine Mutter wollte sie waschen.

Ich wartete einen kurzen Moment. Dann schaute ich noch einmal unbemerkt in den Garten. Von einer Person war nichts zu sehen. Ich ging ans Wohnzimmerfenster, das zur Straße zeigte. Auch dort war keine Menschenseele; leider auch meine Mutter nicht. Die Straße und der Bürgersteig waren mit Schnee bedeckt. In dem Nachbarhaus brannte Licht. Trotzdem vermutete ich, dass sich der Typ irgendwo versteckte. Ich fing fast an zu weinen. Plötzlich hörte ich, dass die Tür aufging. Ich wunderte mich. Eigentlich wollte meine Mutter erst später kommen. Doch das war mir jetzt egal. Meine ganze Angst war wie weggeblasen und ich war heilfroh. Erleichtert lief ich aus der Küche zur Haustür, als plötzlich die schwarzgekleidete Person vor mir stand. Mein Lächeln verschwand sofort aus meinem Gesicht und die Angst kam wieder hoch. Die Gestalt hatte nur schwarze Klamotten an und eine Maske über dem ganzen Kopf. Man konnte nur die Augen sehen. Ich blieb erschrocken stehen und brachte kein Wort heraus. Die Person, die nur einen Meter von mir entfernt stand, steckte ihren Schlüssel weg. „Der war noch am gleichen Platz versteckt“, erklärte sie mir, während sie die Maske abnahm. Ein lächelndes Gesicht erschien. Verwundert schaute ich zu dem Mann, der nun ohne Gesichtsbedeckung vor mir stand. „Papa?“, fragte ich verdutzt, „was machst du denn hier?“ Das Lächeln in seinem Gesicht wurde noch breiter. „Dich abholen!“, sagte er feierlich. Als er mein fragendes Gesicht sah, erklärte er es mir: „Ich habe es langsam satt, ganz alleine zu wohnen! Du gehörst nicht nur zu deiner verrückten Mutter, sondern auch zu mir!“ Ich nickte. Da hatte er recht. Ich hatte auch keine Lust, nur bei meiner Mutter zu wohnen. „Aber wenn du mich abholst, wo gehen wir dann hin? Ich habe doch Schule und...“ Mein Vater unterbrach mich: „Wir machen uns ein paar schöne Tage. Wir fahren da hin, wo du willst. Ich melde dich einfach krank.“ Er schaute mich aufmunternd an. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden. Eine kleine Auszeit würde mir bestimmt gut tun. „Pack schnell ein paar Klamotten ein, ich schreibe einen Brief an deine Mutter, damit sie sich keine Sorgen macht.“ Als ich in meinem Zimmer war und mein Koffer packte, hatte ich ein komisches Gefühl. Ich wusste nicht ganz, ob es wegen Papa war, der mit mir einfach so wegfahren wollte oder wegen des Briefes. Seit der Trennung hatte sich mein Vater nämlich überhaupt nicht mehr um meine Mutter gekümmert. Sie war ihm also recht egal. Umgekehrt genauso. Als alle nötigen Sachen in meinem Koffer verschwunden waren, machte ich ihn zu und trug ihn in den Flur. An dem Küchentresen lehnte mein Vater. Neben ihm lag der Zettel. Mich bemerkte er nicht. Damit das auch so blieb, versteckte ich mich hinter der Tür zum Arbeitszimmer. Als mein Papa in den Flur trat und Richtung Toilette ging, schlich ich leise zu dem Brief und las ihn. Als ich fertig war, las ich ihn noch ein zweites und danach ein drittes Mal. Ich konnte einfach nicht fassen, was mein Vater da feinsäuberlich hingeschrieben hatte.

Trotz der Worte wollte ich jetzt keinen Rückzieher mehr machen. Ich wollte mit ihm fahren. Erst als ich die Klospülung und danach ein Wasserplätschern hörte, lief ich schnell wieder in den Flur zurück und wartete lächelnd auf meinen Vater. Er lächelte zurück und verstaute anschließend den Koffer in dem Kofferraum seines Autos. Allerdings wirkte er etwas angespannt. Wir stiegen beide ins Auto. „Und, wo willst du zuerst hin?“, fragte er mich. Ich überlegte nicht lange: „In die Trampolinhalle!“ Mein Vater startete den Motor und wir fuhren los. Am Anfang herrschte unangenehme Stille. Doch dann unterbrach ich sie: „Wieso bist du eigentlich im Garten herumgeschlichen, Papa?“ „Ich musste erst gucken, ob deine Mutter wirklich weg ist. Wenn sie mich sehen würde, würde sie wahrscheinlich sofort die Polizei rufen, die Alte.“ Das hasste ich. Mein Vater übertrieb immer, wenn er mit mir über Mama redete. Außerdem nannte er sie „die Alte“. Aber auch meine Mutter machte immer meinen Vater schlecht. Das war auch mies. Mies für mich, weil ich mir immer alles anhören musste. Ich drehte meinen Kopf weg und beobachtete die Landschaft. Ich freute mich auf die Zeit mit meinem Vater und dachte noch einmal an seine Nachricht.

Wir werden jetzt dahin gehen, wo es uns gefällt und wir Spaß haben. Ein Leben lang.

Leb wohl, Yannik.


Ein Beitrag für unseren digitalen Kulturadventskalender 2020.

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